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Spiegelscherben (The Broken Heart)

Es ist ein Tölpel, wer beschreit,
Dass es die ew’ge Liebe gibt,
Wenn man in einer Stunde Zeit
Sich bis zu zehnmal gänzlich neu verliebt.
Wer glaubt denn treu und bibelfest,
Ich hätt ein ganzes Jahr die Pest?
Wer lachte mich nicht aus, wenn ich ihm sag
Mein Streichholz brenne einen ganzen Tag?

Was ist das Herz doch für ein Witz,
Fällt es der Liebe in die Hand:
Erfüllt bis in den letzten Ritz
Vom Fieber heiß gebraten und gebrannt,
Schnappt sich’s die Bestie, beißt es ab
Und schlingt es unzerkaut herab.
So sterben wir, getroffen vom weiblichen Geschlecht:
Wir sind die Sprotte, und sie, sie sind der Hecht.

Das sei, so sagst du, wohl ein Scherz?
Wie war es denn, in jener Nacht,
Als ich es zu dir trug, mein Herz,
Und gar nichts wieder aus dem Zimmer bracht?
Blieb es bei deinem Herz? O nein!
Sonst würd’s dich lehren, treu zu sein.
Die Liebe, war’s, denn die zerbrach’s zum Spaß
Wie mancher im Container altes Glas.

Die Splitter sind noch alle hier,
So bleibt es schmerzhaft mir bewusst:
Denn diese Scherben schneiden mir
An jedem Tag von Neuem in die Brust.
Wie kleine Spiegel tausendfach
Vermehren sie mein Ungemach
Als Bilder von Bewundrung und Begehr.
Das Bild der Liebe, das zeigt keine mehr.

John Donne (1571-1631), frei nachgedichtet von Jörg Hilbert

© Jörg Hilbert 2018