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Heilig, heilig, tot (Die Heiligsprechung)

Halt bitte deinen Mund und lass mich lieben!
Mach mich nieder, wenn du musst,
Spotte über meinen Haarverlust
Oder sei in Oxford eingeschrieben,
Lern noch dazu und bilde dich,
Gewinn Profil gesellschaftlich,
Steh mit dem König selbst auf du und ich
Und Schätze lass ihn dir zuschieben –
Aber, bitte, lass mich lieben!

Wem schadet meine Liebe denn? Komm sag!
Versank ein Schiff in meinem Sehnen?
Ertrank am Riff ein Mensch in meinen Tränen?
Mein Frösteln – schadet es dem Frühlingstag?
Mein Glühen – streckt es irgendwann
Je eine arme Seele an?
Kein bisschen! Die Welt ist heut nicht anders dran,
Egal, was ich dir tu und sag
An unserm Liebestag.

Ich nenn es Liebe – Nennt ihr’s nach Belieben
Zwei Fliegen voller Adlermut,
Zwei Kerzen, schmelzend in der eignen Glut
Oder zwei Täubchen, turtelnd umgetrieben.
So wie der Phönix immer neu
Und neu entsteht, sind auch wir zwei:
Nicht gleich, doch trotzdem gleich und eins dabei,
Neu auferstanden, jung geblieben
Während wir uns lieben.

Die Liebe gibt uns Leben oder Tod.
Als Grabschrift aber taugt sie nie,
Denn alles macht sie stets zu Poesie:
Das Totenfeuer wandelt sich, wenn’s loht,
Zu Versen, inniglich und schlicht,
Zu Strophen wird das Angesicht
Und wie die Urne fasst es ein Gedicht –
Ein Hymnus, jubelnd und devot:
„Heilig, heilig, tot.

Ihr Seligen“, so beten sie verzückt
„Die ihr in Liebe umgedacht
Zur Ewigkeit die eine große Nacht,
Die Ihr den ganzen Weltkreis überblickt,
Den ihr im Aug des anderen schön
Als wie im Spiegel habt gesehn!
Wir bitten euch, erhöret unser Flehen!
Schenkt uns doch nur ein winzges Stück
Von eurem Liebesglück!“

John Donne (1571-1631), frei nachgedichtet von Jörg Hilbert

© Jörg Hilbert 2018