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Fritz & Fertig

Fritz & Fertig

Eigentlich verbietet mir die Bescheidenheit, darüber zu reden, aber es hilft nichts: Ich bin einfach stolz! Keins meiner Projekte ist weltweit ähnlich erfolgreich oder hat auch nur annähernd so viele Preise gewonnen wie Fritz & Fertig (zuletzt den ersten deutschen Computerspielpreis für das beste Kinderspiel). Schon die erste CD-Rom wurde in den USA ein Renner und ist mittlerweile in über zwanzig Ländern erscheinen (vielleicht sind es auch dreißig – ich weiß es nicht so genau). Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von CDs, aber auch ein Nintendo-Spiel und zwei Bücher. Alle verfolgen dasselbe Prinzip: Sie erklären das vermeintlich so komplizierte Königsspiel mit einfachen Worten und Bildern, so dass alles plötzlich kinderleicht wird. Denn das ist die überraschende Erkenntnis bei der Sache: Schach ist durchaus nicht nur für Hochbegabte geeignet, sondern zunächst einmal pure Übungssache und für jedermann erlernbar. Am wichtigsten ist aber, dass die Vermittlung der Lerninhalte Spaß macht, sonst bleibt kein Kind bei der Stange. Deshalb habe ich die schachlichen Vorgaben meines Co-Autors Björn Lengwenus stets mit möglichst vielen möglichst verrückten Geschichten angereichert, die vielleicht ein bisschen das Salz in der Suppe sind. Denn eine Suppe ohne Salz macht genauso wenig Spaß wie Schach ohne ein Augenzwinkern – oder eine Tortenschlacht ohne Torte.

Fritz & Fertig

Ein Kapitel aus „Fritz & Fertig – Wie geht Schach?“

Der Ausbruch der Tortenkriege lässt sich genau datieren: Sie begannen pünktlich am frühen Nachmittag des Geburtstags von König Grün, anlässlich dessen er seine Nachbarkönige samt Gattinnen zum großen Tortenessen eingeladen hatte. Alle waren gekommen: König Braun, König Grob-Klotzing, König Farblos und wie sie alle hießen. Leider war aber auch König Schlabberlatz erschienen, der eigentlich überhaupt nicht eingeladen war. Und nun schlabberte und schmatzte er derartig Ekel erregend, dass der leicht reizbare König Grob-Klotzing prompt die Nerven verlor und ihm die nächstbeste Sahnetorte mitten ins Gesicht klatschte.

Dabei bekam auch die Gattin von König Silberblick einen Spritzer ab, dachte jedoch irrtümlich, die Torte käme vom bis dahin völlig unbeteiligten König Schluffendorff. Und so rächte sie sich umgehend: Klatsch, schon hatte der arme Schluffendorff eine halbe Schwarzwälder Kirschtorte im Gesicht. Die andere Hälfte verfehlte ihr Ziel und landete gleichenteils im Gesicht von König Quergestreift und im Schoß seiner Gattin, die ausgerechnet heute ihr bestes Kleid trug. „Frechheit!“, riefen sie, und schon war die wildeste Tortenschlacht im Gang: Einer kämpfte gegen alle und alle gegen einen. Da wurde geschmiert und geschmissen und gepatscht – es war einfach nur widerlich.
Dann drohte die Munition auszugehen. Doch in diesem Augenblick trugen die Hofangestellten König Grüns den Nachtisch herbei: Sahnepudding, Windbeutel, backfrischen Bienenstich in Eierlikörsauce und was die Küche sonst noch so hergab. Klatsch, schon hatten sie eine Torte im Gesicht und so beteiligten auch sie sich an der Schlacht, indem sie ihrem König beistanden mit Schokoladentorte, Quarkstrudel, Edelkirschlikörcreme, Eischnee, Zuckerguss und kübelweise Vanillesauce. Solche unfaire Verstärkung wollten sich die anderen Könige natürlich nicht bieten lassen. Gleich riefen auch sie ihre Hofangestellten zu Hilfe und so kämpfte schließlich König gegen Königin, Königin gegen Hofstaat, Hofstaat gegen König und jeder gegen jeden.
Es war ein elendes Gewürge: Wie Schneeflocken im Wintersturm wirbelten die Sahneschnittchen durch die Luft, es hagelte Pralinen und es trieften die Sonntagskleider vom Rumaroma. Wer gerade nichts Werfbares zur Hand hatte, stellte dem anderen eben ein Bein, dass er der Länge nach in die Pampe platschte. Dieser betrübliche erste Kampftag endete erst, als man vor lauter Dreck nicht mehr erkennen konnte, wer hier wer war.

Fritz & Fertig

Doch schon am nächsten Tag ging es weiter mit Frankfurter Kranz, gedecktem Apfelkuchen und Sachertorte. Eilig schickten die Könige zur Bäckerei um Nachschub zu organisieren. Die Bäcker aber buken, was das Zeug hielt und so breiteten sich die Tortenkriege (wie man sie später nannte) in Windeseile aus. Immer mehr Könige beteiligten sich daran, immer weitere Reiche wurden mit hineingezogen, bis schließlich die ganze Welt in Sahne, Buttercreme und Bröselmatsch zu versinken drohte.
Nur König Banane hatte gerade keine Zeit dafür, denn er wollte tapezieren. Begeistert kleisterte er Bananenschale um Bananenschale an die Wand, bis alle Räume des ganzen Schlosses in leuchtendem Gelb erstrahlten.
„Na“, fragte er seine Gattin stolz, „wie findest du es?“
„Schöne Farbe“, lobte die Königin. „Aber meinst du nicht, dass es ein bisschen merkwürdig riecht?“
„Doch“, sagte König Banane, „jetzt wo du’s sagst, merke ich es auch. Es riecht ein bisschen nach Banane.“
Und er öffnete alle Fenster um zu lüften. Doch das half nicht viel, denn nach kürzester Zeit faulte es im ganzen Schloss und König Banane beschlich die Ahnung, dass er vielleicht doch besser normale Tapete genommen hätte. Denn die Bananenschalen stanken so unerträglich, dass man schließlich ins benachbarte Gartenhaus übersiedeln musste.
Doch selbst hier war es bald nicht mehr auszuhalten und so kam es wie eingangs schon erwähnt: König Banane musste das schöne neue Schloss wieder abreißen lassen.

Fritz & Fertig

Traurig saß er auf den Ruinen und fand, dass einzig und allein die Tortenkriege schuld waren an seinem Scheitern. Und damit solches niemals wieder geschehen konnte, beschloss er in einer Mischung aus Rache, schlechtem Gewissen und gutem Willen, etwas gegen diese Sauerei zu unternehmen.
Und so ließ er die Steine seines zerstörten Schlosses säubern und an gleicher Stelle etwas Anderes daraus errichten – etwas Großartiges, Neues und das wohl aufregendste Gebäude seiner Zeit. In seiner Mitte befand sich ein verkleinertes Modell der Kuchenblechwelt. Drumherum türmten sich Zuschauerränge hoch hinauf. Den Platz in der Mitte ließ König Banane aus Gründen der Sauberkeit mit achtmal acht großen Bodenplatten kacheln – und weil er es nicht selber machte, gelang es diesmal vorzüglich. Er hatte auch schon einen Namen für dieses neue Gebäude, nämlich Arena. Und in dieser Arena sollten sie gefälligst Schach spielen, die anderen Könige, anstatt sich gegenseitig mit Torte zu bewerfen.

© Jörg Hilbert 2017