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Das blaue Auge

He, Movitz, wie schön dich zu sehen –
Bleib stehn, Mann, ich beiß dich doch nicht.
Was ist dir denn Schlimmes geschehen?
Du bist ja ganz blau im Gesicht.
Solang deine Gönner noch leben,
Besteht doch kein Anlass für Leid.
Pong-pongtuli pongtuli. Zeit,
Ein Gläschen zu heben?

Jetzt nimm schon, ich will’s dir spendieren,
Der Schnaps ist vorzüglich gebrannt.
Und dann musst du dokumentieren:
Wie kamst du zu diesem Verband?
Wenn Fieber im Spiel ist – sehr wichtig –,
Dann hol ich die lieber ’nen Tee …
Pong-pongtuli pongtuli. Nee,
Der Schnaps ist schon richtig.

Was ist mit dem Auge? Ging’s flöten?
Lass sitzen das Pflaster, du Hund!
Wir wollten schon manchen verlöten
Und immer ging’s hinterher rund …
Ich werd dir hier gleich eine patschen!
Gib her schon den Schnaps auf der Stell!
Pong-pongtuli pongtuli. Schnell!
Und hör auf zu quatschen!

Du fängst mir ja gleich an zu heulen –
He, nicht doch! Ich hab dich ja lieb …
Erkläre mir lieber die Beulen
Und sag mir: Wer war dieser Typ?
Wer konnte dich derart versehren
Mit bläulichem Auge samt Blut?
Pong-pongtuli pongtuli. Gut,
Ich will’s dir erklären.

Es war an dem selbigen Tage …
Ich hab es doch gerad noch gewusst …
Das Datum ist … schwierige Frage …
Im Juni, war’s … oder August …
Nee, Juli war’s, denke ich eben,
Um Mitsommer … oder danach …
Pong-pongtuli pongtuli. Ach,
Bin völlig daneben.

Es war nicht mehr hell auf den Straßen.
Da sah ich am Bordstein sie stehn –
Wir sprachen die üblichen Phrasen,
Dann durfte ich heim mit ihr gehen.
Adresse – du dürftest sie kennen –
Im Rotlichtbezirk – dieser Ort,
Pong-pongtuli pongtuli, dort,
Wo alle hinrennen.

Ich schulterte schnell meine Fidel
Und folgte der Nymphe sogleich
An Aldi vorbei und an Lidl
Zu ihrem begehrlichen Reich.
Wir wollten es gerade betreten,
Da kommt dieser Typ, diese Klos –
Pong-pongtuli pongtuli, groß
Und stark wie Athleten.

Er rief: „Lass sie los, das ist meine!
Hau ab! – Oder nee, bleib mal stehn
Und spiel was für mich und die Kleine –
Musik hebt die Stimmung so schön.“
Dann fummelte er an der Dame
Und ich stand begleitend Spalier,
Pong-pongtuli pongtuli, mir
Zum Kummer und Grame.

Ich spielte so wild und so kräftig,
Es klang wie ein zorniger Schrei,
So wütend, verzweifelt und heftig –
Da riss mir die Saite entzwei.
Gleich langt er mir eins ins Gesichte –
Mann, hat mich das Arschloch verletzt!
Pong-pongtuli pongtuli. Jetzt
Kennst du die Geschichte.

Der Kerl, der bekam ungezügelt
Die Frau samt der Gratismusik.
Dazwischen hat er mich verprügelt,
Drum ist jetzt mein Auge so dick.
Er tät dies zu meiner Belehrung,
Erklärte der Kleiderschrank.
Pong-pongtuli pongtuli. Dank
Für schöne Bescherung.

Carl Michael Bellman (1740-1795), frei nachgedichtet von Jörg Hilbert

© Jörg Hilbert 2018